Hoffnung in Cyberpunk: Neuromancer – William Gibson

“Cyberpunk” ist, wenn die Hoffnung auf eine bessere Welt gestorben ist.

William Gibsons “Neuromancer” ist ein Urgestein der New Wave Science Fiction und eines der Gründungswerke für das Subgenre “Cyberpunk”. Wie in keinem anderen Genre zeigen Cyberpunk-Geschichten, was passiert, wenn Unternehmen uneingeschränkt unsere Welt regieren und wie katastrophal die Auswirkungen sind.

Durch den Kapitalismus – also die Idee, dass alleinige Kapitalmaximierung ein gutes Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell ist – wurde die Welt in den (ökologischen) Untergang getrieben. Es ist eine Welt, in der Menschenwürde bloß eine Variable in der Kostenkalkulation von Unternehmensimperien ist, Drogenräusche richtige Glücksgefühle ersetzen, Körper beliebig durch (organische) Implantate verändert werden können (und doch wenig Queerness gefunden werden kann) und die Umwelt eine chemische Müllhalde ist.

Nachdem der Auftragshacker Case durch seinen Diebstahl bei einem Auftraggeber neuronal “verkrüppelt” (wortlaut von Neuromancer) wurde, machte er sich verzweifelt auf die Suche nach einer Heilung nach Japan. Dort trifft er auf Armitage – einen mysteriösen Auftraggeber, der ihm eine Heilung verspricht, aber im Gegenzug ihn für einen Raubzug beauftragt. Scheitert Case, stirbt er an implantierten Giftpäckchen. Zusammen mit der Auftragsmörderin Molly lüftet er das gefährliche Geheimnis, das hinter dem Auftrag steht: Die Zusammenführung zweier mächtiger KIs – Wintermute und Neuromancer -, die von ihrer Schöpferin getrennt wurden.

In “Neuromancer” geht es auf den ersten Blick um einen spannenden Raubüberfall in einem doch nicht so weit von heute entfernten Sci-Fi-Setting. Aber viel spannender sind die Fragen, die scheinbar zufällig und willkürlich in die Geschichte eingestreut werden: Die Frage nach Identität und Tod, wenn das Gehirn einfach eingescannt und im Cyberspace auf Bedarf abgespielt werden kann. Den Umgang mit technologischen Errungenschaften, wenn die Erfinder*innen durch ihren Reichtum und im All lebend von der Menschheit abgeschottet sind und so niemals ihre Konsequenzen tragen müssen. Aber am herausstechendsten ist die Frage, wie man Hoffnungsvoll sein kann, wenn es keine Zukunft gibt, mit der man die Gegenwart überwinden kann.

Denn was kann nach einer Gegenwart übrig bleiben, in der es keinen Schritt für die Menschheit voran gibt, weil die menschliche Existenz durch Unternehmen rationalisiert und an Wertigkeit verloren hat? Wofür macht man noch etwas, das über unmittelbare Bedürfnisbefriedigung hinaus geht, wenn das eigene Leben nur eine Variable in der Kalkulation von neuen Adelsfamilien ist, deren Macht auf deren Unternehmensimperien baut, die gerade durch diese Ausweglosigkeit mächtig bleiben?

Dadurch ist Cyberpunk für mich auch ein unsagbar wichtiges und politisches Genre.

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